SPIRITUAL BYPASS #2
HELLA GERLACH
AUGUST 15 – SEPTEMBER 12, 2021

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Hella Gerlachs Ausstellung Spiritual Bypass #2 bei STATIONS setzt eine Serie skulpturaler Objekte fort, die erstmals im Frühjahr bei Acapella in Neapel gezeigt wurden. Von dieser Serie, die bis heute achtundzwanzig Skulpturen umfasst, sind in dieser Ausstellung elf zu sehen. Jede trägt den Titel HANGOVER und ist mit einer Nummer versehen, sodass sie zusammen gedacht ein flexibles, textiles Lexikon der Formen und Zustände ergeben. Gerlach kombiniert und verbindet die einzelnen Elemente zu fünf Gruppierungen oder „Settings“. Als solche gruppiert, verweben sich ihre Extremitäten ineinander und erzeugen einen neuen (skulpturalen) Körper. Die Werke bestehen aus verschiedenen röhrenförmigen Formen, die mal lang und locker, mal voluminös und verdreht in Augenhöhe von der Decke hängen.
Einige Settings drehen sich in einer sanften motorisierten Bewegung um die eigene Achse.
Ungeachtet des wohl gemessenen Abstands zwischen ihnen stehen sie in engem räumlichen Bezug zueinander, wie auch zum Körper der Betrachter*in, die oder den sie allmählich mit ihrer Präsenz umhüllen. Gerlachs skulpturale Formensprache ist auf Körperlichkeit ausgerichtet. Dabei geht es weniger um die Festlegung der Skulpturen in einer finalen, sozusagen absoluten Form. Vielmehr interessiert Gerlach die Artikulierungen, die ihre Formen aus der Bewegung, den changierenden Perspektiven und den neu resultierenden Begegnungen hervorbringen. Diese offenere und flexiblere Herangehensweise weicht das Statische innerhalb des Bildhauerischen auf. Spiritual Bypass #2 greift daher Prinzipien auf, die in Gerlachs Praxis immanent sind.

Die Figuren sind gefüllt mit Mikrodosen verschiedenere Substanzen wie Schwarzer Nachtschatten, Asche, Geißblatt, Ketamin oder mit Elementen, wie Kupfer und Schwefel. Das Einbetten von Kleidungsstücken anderer Personen beispielsweise, reflektiert die Idee des sozialen Körpers und der Verschmelzung verschiedener Energien in einer Form und verkörpern so auch einen kollektiven und gemeinschaftlichen Zustand. Aber ebenso können sie Verstrickungen und Gefühle der Verwirrung artikulieren, die auftreten können wenn zwischenmenschliche Beziehungen gestört sind und die Dinge nur „einen Moment brauchen, um sich zu beruhigen“ („[...] a moment to let that settle“).

Gerlach erweitert dieses Setting auch akustisch: subtile Töne durchdringen den Raum, kommen und gehen in Schüben. Beim genauen Hinhören, machen sich die organisch klingenden Töne bemerkbar, die in Zusammenarbeit mit Yosa Peit komponiert wurden. Sie wecken vage Assoziationen und verweigern sich gleichzeitig einer festen Zuschreibung. Sie sind wie Impulse, die auf ihre Umgebung reagieren, oder vielmehr auf einander. Indem Gerlach diese physischen Objekte durch Klang erweitert, fördert sie die Idee ihrer textilen Formen als Körper und als Träger zugleich, der seinen eigenen „Speicher“ nutzt, um zu wachsen und sich zu transformieren.

Die taktilen und auditiven Eigenschaften der Arbeiten überschneiden sich mit den körperlichen Qualitäten der Objekte; sie sind wie Körper die ihr Inneres nach außen kehren. Indem wir uns in sie hineinfühlen, scheinen sie wie ein Spiegel für unser eigenes Inneres, jedoch nicht als psychologischer „Gedanke“ im Kopf, sondern mehr als etwas Unbewusstes, das sich im Körper selbst manifestiert. Wo ist eine Emotion? Wie fühlt sie sich an? Kann man sie beschreiben? Hat sie eine Farbe oder eine Textur? Ist sie fest, locker, schwer, schwebend? Sich in dieses „Innere“ zu bewegen könnte wie eines dieser Objekte aussehen, die rotieren als würden sie sich um ein Zentralnervensystem drehen. Sie sind wie Körperdopplungen, Spiegel, oder Display, die buchstäblich neben und über uns hängen: Was ich höre ist, dass Du Dich „so“ fühlst. Sie bieten ein Vokabular für Dinge, die gefühlt werden können, aber nicht leicht greifbar sind. Es sind Zustände in Form von Schläuchen, Knoten, Wurzeln, Flügeln und Haken, deren greifbare Präsenz uns auffordert, uns in sie hineinzuversetzen und sie im Raum zu bewohnen, wie nicht-virtuelle Dongles. Sie fallen von der Decke herab, drehen sich wie Schlaufen in den Geist, wenn der Körper sich nach Stillstand und Erdung sehnt. Gerlachs hängende Gebilde hören nie auf sich zu bewegen. Selbst wenn sie um sich selbst kreisen, wachsen sie zu einem kollektiven Rhythmus zusammen. Sie sind Prozess. „Lassen wir das mal einen Moment ruhen – hast du alles, was du brauchst?“ (Let’s just let that settle for a moment – do you have everything you need?)


Basierend auf dem Text von Sasha Rossman für Hella Gerlachs Ausstellung Spiritual Bypass bei Acapella, Neapel.

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Hella Gerlach’s exhibition Spiritual Bypass #2 at STATIONS continues the series of sculptural objects she began last year, first shown at Acapella in Naples this spring. Of this series, counting to date twenty-eight sculptures, eleven are shown here. Each titled HANGOVER and assigned a number, they offer a flexible textile lexicon of shapes and conditions. For her show in Berlin, Gerlach creates an installation which combines and connects the individual works in five settings. The works consist of various tubular and droopy shapes, some long and loose, some voluminous and contorted. By grouping these forms, they interweave with one another and generate a new (sculptural) body, hanging from the ceiling. Some groups are in a soft motorized motion, rotating around their own axis. And––notwithstanding the measured distance between them––in tight spatial correlation to each other, as well as to the body of the viewer whom they gradually envelop with their presence. Gerlach’s approach to sculpture is focused on the very nature of its corporeality. Rather than aiming for a final outcome, it’s the in-between moments that give shape to her objects, and make way for a more open and flexible perspective, softening the static. They stay in process. Spiritual Bypass #2 thus take up on principles that are immanent in Gerlach’s practice. Here, objects can also become conditions, and suggest a form for their immaterial qualities.

The shapes are filled with minute doses of substances like black nightshade, ash, honeysuckle, ketamine or with elements, such as copper and sulfur. Fillings like previously owned clothes, for instance, reflect the idea of the social body, and that merges of different energies in one form. They bare a collective and communal state, just as they can articulate entanglements and feelings of confusion that can appear when interpersonal relations are disrupted, and things just need “a moment to let that settle”.

Gerlach further expands these settings aurally: subtle tones and chimes permeate the space, coming rare and in bursts. By listening carefully one can hear the flow of organically sounding tones, composed in collaboration with Yosa Peit, which evoke vague associations while at the same time refusing to be attributed to anything concrete. They are like impulses reacting to their environment, or rather to each other. By extending these physical objects through sound, Gerlach furthers the idea of her textile shapes as bodies, and of the body as a carrier that uses its own memory to grow and transform itself.

The tactile and auditory qualities of the works intersect with the objects’ corporeal qualities; they are like bodies turned inside out. In feeling inside of them, they seem to present a mirror for our own interiors, not construed as a psychology “thought” inside the head, but rather an unconscious that manifests itself in the body. Where is an emotion? What does it feel like? Can you describe it? Does it have a color, or a texture? Is it tight, loose, heavy, floaty? Entering into that “inside” might look like these objects, which rotate as if spinning around a central spine. They are body doubles, mirrors, a display literally hanging out next to and over us: What I am hearing is that you are feeling “this way”. They offer a vocabulary for things that can be felt but not easily said. They are conditions in the form of tubes, knots, roots, wings, and hooks whose tangible presence asks us to insert ourselves into and inhabit them in space like non-virtual dongles. Dropping from the ceiling, twirling around like loops in the mind when the body desires stasis and grounding. Gerlach’s hanging accretions never stop moving. Even when rotating and revolving around themselves, together they grow into a collective rhythm. They are process. “Let’s just let that settle for a moment – do you have everything you need?”


Based on Sasha Rossman’s text for Hella Gerlach’s exhibition Spiritual Bypass at Acapella, Naples.



Die Künstlerin dankt / The artist thanks Andreas Kraus, Caroline Paulick-Thiel, Christa Schramm, Guillermo Frei, Gloria Hao, Johannes Schumacher, Jan Dietrich, Dr. Karin Bandelin, Frank Marks, Renate Müller, Evelyn Sitter, Manuel Stade, Roman Schramm, Dr. Sasha Rossman, Alex Paulick, Nadim Vardag, und / and Yosa Peit for their support.








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